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Mittwoch, 22. August 2012

Er spielt in Bremen!

Für den letzten Roman, den ich gelesen habe - mal wieder gewonnen bei Vorablesen.de - gab es (für mich) zwei gute Gründe, es zu tun:
  1. Er spielt in Bremen
  2. Die Protagonistin arbeitet im Ordnungsamt. Was daran so doll ist? Ich hab mittlerweile zwei Spezis, die auch "beim Amt" arbeiten + momentan eine laufende Bewerbung. Ebenfalls "beim Amt".
Tja, gibt es ansonsten gute Gründe, diesen Roman zu lesen?
Für Männer schon mal eher nicht, es ist wieder ein so ein richtig typischer Frauenroman! Irgendwie lande ich ganz schön oft bei den Dingern. Aber da ich selbst ja Gott-sei-Dank eine Frau bin, ist das wohl nachsehbar.

Okay, dann mal was zum Buch. Sollte sein, oder?
Es heißt Hier und jetzt und Himbeerkuchen, und die Autorin Agnes Nelle. Sie hat übrigens länger als Psychotherapeutin gearbeitet. Ach, Mensch, noch eine fast-Parallele. Das merkt man dem Roman aber nicht besonders an. 

Iris, die Protagonistin, ist ein absolutes Gewohnheitstier (und von daher im Ordnungsamt durchaus passend angesiedelt). Jeder Samstag gehört ihr und Jörg und dem Fernseher. Jeden Sonntag backt sie Kuchen. Alle 14 Tage trimmt sie ihm die Nasenhaare. Ihrer Ansicht nach ist alles perfekt - naja fast. Wenn sie jetzt noch verheiratet wären und Kinder hätten ...  Doch dann macht Jörg mal eben nach einer Nasenhaarkürzung Schluß und eröffnet ihr, sie solle innerhalb von zwei Wochen aus seinem Elternhaus ausziehen, er habe bereits eine Neue, jüngere und die solle bei ihm einziehen. Schöne Scheiße.
Die Nacht verbringt Iris im Auto. Am nächsten Tag, noch halb im Schockzustand, begleitet sie in der Mittagspause Felix, den 25-jährigen Sohn ihres Vorgesetzten zu einer Magenspiegelung (wo er ihr, noch voll benebelt von den Beruhigungsmitteln, im vollbesetzten Wartezimmer eine Liebeserklärung macht), abends geht sie mit ihrer Freundin Emma erst mal zu einem Niedergarkurs, bevor sie dazu kommt, endlich jemandem ihr Herz auszuschütten. Dort lernt sie dann aber immerhin gleich Niklas kennen. Einen attraktive, aufmerksamen, sensiblen Mann. Der einzige im Kurs unter Frauen, und er hat nur Augen für sie!
Und dann wird es turbulent. Niklas ... naja ... zeigt sich irgendwie als nicht ganz normal, und selbst Iris bemerkt das, obwohl sie sich alle Mühe gibt, sich selbst etwas vorzumachen. Sogar bei Emma, die sie nach kurzem Zögern doch noch unterschlüpfen lässt, ist alles anders als gedacht.

Also, Fakt ist: es IST ein Frauenroman. Da ist nichts schön zu reden. Einer von der seichten Sorte. Gut für Strand, Urlaub, Wochenende, Sofa, nicht-denken, durchschmökern, fertig. Keine intellektuellen oder tiefsinnigen Highlights, auch nicht in irgendwelchen Nebensätzen. Eher eine ziemlich nervige Art der Protagonistin, sich selbst Dinge einreden zu wollen, von denen alle anderen sich fragen: wieso kapiert sie es bloß nicht? Was den Teil angeht, kann ich es nicht empfehlen, andere haben vielleicht genau daran ihren Spaß.
Allerdings war ich mehr als einmal von den Wendungen überrascht. Eine Enddreißigerin, die eine Liebeserklärung von einem 25jährigen bekommt, kann ich mir zumindest gefallen lassen. Ok. Vielleicht bin ich da doch selbst ein wenig ... anfällig für Kitsch. Egal.

Wie auch immer: ICH war hin und wieder überrascht, und das machte das Buch dann für mich doch auch von der erzählerischen Seite - neben den oben genannten Aspekten - interessanter. Was besseres kann ich leider nicht dazu sagen, und was ihr jetzt damit anfangt ... das ist an euch.

Habt einen schönen Tag! Es ist immerhin Sommer ...




Sonntag, 15. Juli 2012

Was wir alles selbst tun können ...

... in Sachen Krebs.

Oder genauer: in Sachen Krebsvorbeugung oder wenn er uns gar doch erwischt hat. Was ja leider verdammt oft vorkommt.

Das Gute ist: Wir können eine Menge tun. David Servan-Schreiber hat darüber ein wirklich gutes Buch geschrieben. Das Antikrebs-Buch.

Er selbst war Psychiater. Ein Mediziner also, und er befasste sich mit neurologischen Untersuchungen, um die Struktur des Denkens besser zu verstehen. Dieser Tatsache verdankte er es, dass ein Hirntumor bei ihm zufällig entdeckt wurde. Er ließ sich operieren. Er vertraute auf die Medizin. Der Krebs kam wieder. Er ließ sich erneut operieren - und suchte anschließend danach, was er sonst noch tun könne.

Seine Arztkollegen waren ihm dabei die geringste Hilfe. Und das ist etwas, was ich sehr wichtig finde, es zu bedenken und ihn deswegen umso ernster zu nehmen: ein Arzt, der sich zuvor selbst auch mit Krebspatienten auseinanderzusetzen hatte, wird selbst zum Patient. Er wechselt die Seite, und erfährt, wie oft seine Kollegen den kranken Menschen im Stich lassen, weil sie

  1. vollkommen absorbiert sind von der Aufgabe, in ihrem eigenen, stetig wachsenden und doch so eingeschränkten Bereich möglichst auf dem aktuellsten Stand zu sein, und
  2. kaum dazu ausgebildet sind, sich mit MENSCHEN zu befassen, mit GANZEN, KOMPLEXEN SYSTEMEN, sondern überwiegend mit einem sehr abgegrenzten Bereich einer bestimmten Körperregion oder Krankheit.

Das ist eine sehr wesentliche Beobachtung, denn sie belegt, wie wichtig es ist, unser Leben nicht einfach den Medizinern zu übergeben und zu glauben, sie werden schon alles richten. Sie KÖNNEN es schlicht und einfach nicht, weil auch ihr Wissen begrenzt ist, auch ihre Kompetenz mit Krankheit umzugehen davon abhängt, wie sehr sie bereit sind, sich auf das Leiden ihrer Patienten einzulassen (sich ein "dickes Fell zuzulegen", wird immer noch gern als Schutzmaßnahme verstanden, um als "Helfer" nicht am Leiden des Patienten zu zerbrechen - nur: wo ein dickes Fell ist, ist eben keine Einfühlung, und wo keine Einfühlung ist, ist auch kein Verständnis. Es KANN kein Verständnis da sein, denn das emotionale VERSTEHEN wird ja verhindert durch das dicke Fell ...), und weil auch ihre ZEIT endlich ist. Es gibt so viel zu wissen - aber meistens reicht eben die Zeit nicht aus, es sich anzueignen!

Und so machte sich als David Servan-Schreiber auf die Suche. Er fand heraus, wieso Ernährung sich eigentlich auf die Gesundheit auswirkt und er beschreibt einige wesentliche Aspekte, wie zum Beispiel das Verhältnis von Omega3- zu Omega6-Fetten, das übrigens mit "Bio" im Sinne von artgerecht und natürlich einhergeht! Und natürlich geht es um eine gesunde Ernährung, die nun einmal viel Obst, Salat und Gemüse beinhalten MUSS. Das liegt in der Natur der Sache. Oder hat schon wer Pfannekuchen auf Bäumen wachsen gesehen?
Er befasst sich mit dem bewegten Körper - ich will jetzt nicht nur sagen: Sport, denn das greift zu kurz - und warum es so wesentlich ist, sich darum zu kümmern.
Er befasst sich mit einer gesunden, starken Psyche - denn es ist ein Unterschied, ob man scheinbar mit dem Leben und gesellschaftlichen Anforderungen (gut) klar kommt und vielleicht sogar (sehr) erfolgreich ist - oder ob man sich gut um sich selbst kümmert.

David Servan-Schreiber ist Wissenschaftler, und so verbindet er seine eigene Geschichte mit wissenschaftlichen Untersuchungsergebnissen aus diesen Bereichen. Er erzählt Geschichten von anderen Menschen, die Krebs hatten und ihn unterschiedlich gut auszubremsen verstanden, aber doch immer berichten, ihr Leben - das, was davon noch übrig war - habe gewonnen, indem sie aufhörten, nur die Medizin(er) für kompetent zu erklären und taten, was auch immer sie selbst tun konnten. Er klärt auf, was es mit Statistik auf sich hat und natürlich versteht er, worum es geht, wenn einer Krebs hat, denn er weiß es ja nunmal aus eigener Erfahrung.

Mir ist dieses Buch mehr oder weniger zufällig in die Hände gefallen. Trotzdem denke ich, es ist ein sehr lesenswertes Buch, selbst, wenn man sich "nur", und vielleicht sogar nur "ein wenig" für Gesundheit interessiert. Es macht jedoch vor allem Mut und bietet Orientierung, wenn es um mehr geht - um's blanke Überleben.

1Q84 – Teil 3

So, dann wird es langsam mal Zeit, Wort zu halten. Ich hatte ja versprochen, die Rezension der Fortsetzung zu Haruki Murakamis auch noch zu posten.

Der 570 Seiten lange dritte Teil des Romans 1Q84 besticht nicht gerade durch aufregende Handlung. Viel mehr wird die Geschichte, die im ersten Teil der Trilogie mit der Entstehung des Romandebüts der Puppe aus Luft und den eher ungewöhnlichen Charakteren im Handlungsverlauf am interessantesten war, langsam fortgeführt. Tengo kümmert sich um seinen im Koma liegenden Vater und wartet auf Aomame, Aomame wartet auf Tengo und währenddessen versucht Ushikawa, der im ersten Buch noch eine Nebenfigur ist, beiden auf die Spur zu kommen. Die Handlungen sind weitestgehend harmlos, eher langweilig. Gut, ich gebe es zu, sie sind nicht bedeutungslos. Aber sie beschränken sich auf die Beschreibung, wie die Charaktere ihre Tage verbringen, wobei ihr ganzes Denken sich jeweils um den oder die andere(n) dreht. Nicht wirklich spannend. Inhaltlich würde nichts verloren gehen, wäre die Erzählung um mindestens ein drittel kürzer. Verblüffender Weise liest es sich trotzdem recht leicht weg.

Der Charakter von Aomame hat leider sehr verloren und kann ich nicht mehr überzeugen: war sie im ersten Buch vor allem auf pragmatisch-berechnend und emotional wenig engagiert, wird ihr Gedankenleben im dritten Teil sehr viel durchschnittlicher. Befände sie sich nicht in ihrer ungewöhnlichen Situation, abwartend in einer Wohnung, wo sie nicht entdeckt werden darf - ihr Charakter wäre hier schlichtweg langweilig. Dieser Band fesselt leider weder durch seine Charaktere noch durch eine wunderbare Erzählung. Es verlegt sich statt dessen auf das gemächliche Verfolgen weitestgehend gemächlicher Ereignislosigkeit, und das Warten auf die erhoffte Vereinigung von Tengo und Aomame.

Auch im dritten Band neigt Murakami zur Wiederholung bereits bekannter Passagen. Natürlich, manchmal ist sie ein hilfreiches Stilmittel, um die Verbindung von Band drei zu seinen Vorgängern zu halten, teilweise aber füllt sie wieder nur die Seiten, ohne die Handlung oder die Gedankenentwicklungen der Figuren zu unterstützen.

Den dritten Band zu lesen, dient dem Leser schlicht schlicht der Vervollständigung der Geschichte. Zu diesem Zweck ist es keine Schande, ihn anzuschaffen. Das eine oder andere kuriose Element weist auch Buch drei auf, also Murakami Fantasielosigkeit vorzuwerfen, wäre doch verfehlt. Allerdings versäumt er es, die Idee der Little People, der Puppe aus Luft, etc. aufzuklären und weiterzuentwickeln. Die Figuren selbst beginnen zu begreifen, wie alles sich verhält – dem Leser bleibt diese Information jedoch vorenthalten. Böse Zungen behaupten, das stünde für Band vier zu erwarten.

Mein (vorerst?) abschließendes Fazit kann leider nur auf eines hinauslaufen: Die Trilogie gehört leider nicht zu den Werken, von denen ich denke, dass man sie unbedingt gelesen haben muss. Man kann. Aber man muss nicht.

Donnerstag, 5. Juli 2012

Mit Yoga Depressionen begegnen

Der aktuelle Artikel auf Suite101 handelt davon, dass Yoga-Übungen Depressionen beeinflussen können. Kurzfristig, durch eine einzelne Yoga-Session, aber auch überdauernd, wenn es regelmäßig durchgeführt wird. Die Verhaltenstherapie nutzt die Wirkung von Ablenkung und Bewegung, um Depressive aus ihrem Loch zu holen. Yoga kann es zusätzlich erleichtern, weil viele Menschen mit einer anhaltenden, grundsätzlichen Stimmungsverbesserung auf das Training - und, ganz wichtig!!! - die dazugehörige GEISTEShaltung reagieren.

Mittwoch, 20. Juni 2012

Tapetenwechsel

Hier mal wieder was Neues von der Bücherfront. Nur: lasst euch von dem Cover nicht täuschen! Das Bild kommt zwar in der Erzählung vor, aber es ist trotzdem kein Krimi! Und wenn der Speer noch so sehr aus dem Rücken herausragt!


Ein Tapetenwechsel für den Anfang wäre ja auch nicht schlecht. Statt dessen wird Lilli Karg zu Lilian Reich. Wenigstens manchmal, wenn es ihr zuhause in der Etagenwohnung zu eng wird und Knut wieder einmal Samsara den Vorrang gibt, dem schwangeren Orang-Utan-Weibchen aus dem Zoo.

Als sie im Lotto gewinnt, behält sie diese Neuigkeit für sich. Sie gönnt sich hier und da etwas, Knut wird es sowieso nicht auffallen – nur so ganz wirklich freuen kann sie sich nicht. Denn da ist niemand sonst, dem sie alles erzählen könnte. Ihre beste Freundin Tina ist nicht mehr ihre Freundin, ihre Mutter eine Nervensäge und ihre Tochter ein Miststück.

Zum Glück taucht plötzlich Marie-Ann in ihrem Leben auf, eine Fachfrau für pathologisches Lügen. Diese durchschaut zwar Lilli’s Phantasie-Lebenslauf, aber das hat dann schon wieder sein Gutes, denn so ist da wenigstens eine Vertraute. Und dem kleinen, fiesen Jack-Russel-Terrier ihrer Tochter verdankt sie sogar die Bekanntschaft mit einer etwas älteren David Garrett-Ausgabe, die sich als Hundeflüsterer entpuppt.

Doch plötzlich ist Knut wütend, und Lilli hat keine Ahnung, was los ist - bis sie ihn mit einer anderen Frau händchenhaltend in einem Restaurant sieht. Auf einmal ist alles anders, wird immer verdrehter, bis es letztlich vollends drunter und drüber geht. Aber immerhin gehen dabei auch die alten Tapeten drauf.

Bettina Haskamp erzählt ihren Roman trotz seiner kuriosen Heldin recht unaufgeregt, was sich auch in dieser Phase der Erzählung nicht ändert. Schon eher etwas zu unaufgeregt plätschert die Geschichte teilweise dahin, obwohl sie inhaltlich einiges an guten, witzigen und kuriosen Ideen zu bieten hat. Tröstlich bleibt da vorrübergehend die Beobachtung, wie schnell sich die Seiten umblättern lassen. Dann jedoch wird es wieder ein ordentliches Stück interessanter: Lilli kommt zu Einsichten und zeigt Mut und Konsequenz, Konflikte werden aufgetischt statt unter den Teppich geschoben - hier gibt es eine tolle Szene zwischen Lilli, Tina und Julia – und zwar nicht völlig überraschende, aber doch nicht zwingend notwendige Erklärungen und Lösungen ergeben sich. Am Ende hat es dann noch eine klitzekleine Portion Kitsch, aber das sei der Autorin verziehen und mag mancher Leserin sogar besonders gut gefallen.

Jetzt ist gut, Knut liest sich leicht weg, stellt keine hohen Anforderungen und ist ein akzeptabler Lückenfüller, für den gegebenenfalls auch der Fernseher ausbleiben kann. Das gilt sogar für mehrere Stunden am Stück. Wer für den Moment keine sonstigen Ansprüche stellt, ist damit gut bedient.

Mittwoch, 6. Juni 2012

Nur für Mädels und Gesellschafts-kritiker

Ich liebe dieses Cover! Allein dafür lohnt es sich fast, das Buch zu besitzen. Dann muss es allerdings auch mit der Frontseite in den Raum stehen, auf dass es ihn wie Foto gestalten kann!
Aber gelesen hab ich es auch ;o)
Das Beste von allem‘ spielt in den Jahren 1952 bis 1954 und wurde erstmals 1958 verlegt. Sein Entstehungsalter merkt man dem Roman an: sprachlich und inhaltlich. Die tragenden Charaktere sind fünf junge Mädchen und bei allen geht es offen oder versteckt im Grunde nur um eines: um’s Heiraten.
 Mir, als unverheirateter Enddreißigerin, was ja heute weit öfter anzutreffen ist als damals, ist dabei jenes Mädchen am nächsten gewesen, das vorerst beschlossen hat, Karriere zu machen. Zwar erst, nachdem sie von ihrem Verlobten verlassen wurde, aber in dieser Hinsicht ist ihre Entscheidung vermutlich wiederum weder für frühere noch für heutige Verhältnisse eine unübliche. Es ist Caroline, die Figur, mit der der Roman beginnt, endet und die in weiten Teilen einen verbindende Rolle innerhalb der Erzählstränge spielt.
Alle fünf Mädchen arbeiten in einem Verlag, beginnen als Schreibkräfte und entweder heiraten sie – oder sie steigen in der Hierarchie stufenweise nach oben. Die einzelnen Geschichten unterscheiden sich dabei durchaus voneinander, auch wenn es eben die Geschichten sehr junger Frauen am Beginn ihres (Arbeits-)Lebens sind, noch dazu in einer Zeit, als die Heirat für Frauen fast automatisch bereits wieder dessen Ende darstellte. Obwohl es von der Zeitreihenfolge her gar nicht sein kann, fühlte ich mich vor allem am Anfang gar nicht selten an ‚Sex and the city‘ erinnert, was jedoch auch am Schauplatz New York liegt.
Ansonsten merkt man - wie gesagt - dem Text auch am Ton an, dass er aus einer anderen Zeit stammt. Selbst wenn die Themen recht aktuell sind – Alkohol in rauhen Mengen, Zigaretten, Sex vor der Ehe und seine Folgen – wird sehr viel weniger frech, weniger hysterisch erzählt als es in der gegenwärtigen ‚Chick-Lit‘ üblich ist. Alles wirkt etwas gediegener, ruhiger, fast wie in einem schwarz-weiß-Film. Dabei gibt es auch stark neurotische Momente und Entwicklungen.
Anfangs war ich begeistert von dem ruhigen Schreibstil, aber viel zu schnell langweilten mich das Dauerthema ‚Heirat‘ und die Darstellung der hochgradig naiven, jungen Liebe knapp zwanzigjähriger Frauen, so dass ich mir mehr sprachlichen Pfiff gewünscht hätte. Zum Glück werden vier (genau genommen fünf, aber von Mary Agnes wird nur wenig und nur aus der Perspektive ihrer Kolleginnen berichtet) unterschiedliche Geschichten erzählt. So sind auch Beziehungsstrukturen dabei, die auf tatsächlicher Anziehung durch Gemeinsamkeiten und echtes Interesse aneinander aufbauen, statt auf romantischen oder neurotischen Verblendungen.
Caroline hatte es mir als Hauptcharakter sowieso etwas angetan (wobei ich Barbara am besten fand!). Hier bot dann auch der Aufbau ihrer ganz persönlichen Geschichte zum Ende hin eine interessante Facette: Sie kam nach New York, um den Trennungsschmerz von ihrem Verlobten zu verwinden. Er taucht tatsächlich noch als Person auf, und obwohl man kurz um ihre annähernd bewundernswert selbstbewusste Art fürchten muss, trifft sie eine toughe Entscheidung.
Insgesamt ist der Text flüssig und inhaltlich überzeugend geschrieben. Bei den Kapitelanfängen holpert es allerdings hin und wieder im Hinblick auf den stringenten Zeitverlauf. Dadurch entstehende Verwirrungen werden zwar später wieder aufgelöst, machen aber zuerst einmal stutzig. Ansonsten kann man das Werk sicher auch als eine interessante Sozialstudie der damaligen Zeit betrachten. Leider konnte die Handlung mich nicht fesseln und nur sprachliche Spitzfindigkeiten hätten diese gewisse thematische Langeweile vielleicht ausgleichen können. Aufgrund seiner Länge überwog für mich die Last, weiterzulesen.
Ich glaube jedoch, dass Fans romantischer Liebesgeschichten und leidenschaftliche Beobachter alltäglicher Dramen mit diesem Stoff auf ihre Kosten kommen! Insofern kann ich jenen das Buch durchaus empfehlen. Und auch wer neugierig auf die gesellschaftlichen Gepflogenheiten anderer Zeiten ist, wird sicher nicht enttäuscht sein.
Und wie gesagt - das Cover ist einfach grandios ;o)

Donnerstag, 24. Mai 2012

Jörg schüttelt

Wie zwei dominikanische Bingo-Bongo-Rhythmus-Rasseln schüttelte er kraftvoll die kleinen Flaschen Orangensaft hin und her, rauf und runter, hierhin und dorthin - bis es knallte. Das war nicht die Absicht gewesen, geschweige denn das Ziel, doch so geschah es. Und mit eben diesem Knall löste die eine Flasche ihre Form auf, veränderte ihren Zustand von funktionalem, geschlossenem Gefäß in Scherbenhaufen und gab die von ihr beinhaltete Flüssigkeit in einem Schwall frei.
"So ein Mist aber auch", sagte der Schüttler, verließ den Ort des Geschehens, um sich einiger Utensilien zu bemächtigen, die die Möglichkeit bergen, ungewollte Substanzen und Elemente von Orten zu entfernen und nutzte sie anschließend, damit sie ihrem Zweck auch gerecht würden.
Als dies alles getan war, blieb ihm die Aufgabe, für Ersatz zu sorgen für jene dahinzerschellte Flasche. Und auch das tat er.
Nur ganz zum Schluss, als er die Getränke nun endlich zu ihrer sicheren Überdauerung bis zum Zeitpunkt der absichtsvollen Leerung auf dem Tisch abstellte, da hielt er ein ganz klein wenig die Luft an und war ein ganz klein wenig vorsichtig, und als er die Tür hinter sich schloss - da atmete er ein ganz klein wenig erleichtert, dass nicht noch mehr passiert war, aus.

Montag, 21. Mai 2012

Domino

Oh, ja! Ich erinnere mich noch genau, als wäre es gestern gewesen: Wie wir dalagen, übereinandergestapelt, mit aufgerissenen Augen und Mündern. Fünf Knirpse, denen sonst nichts so leicht die Sprache verschlug ...

Es war ein ganz normaler Sommertag gewesen: sonnig, warm und von keiner Wolke getrübt.

Wir waren also fünf: Mirco, Marco, Stefan, Jenny und natürlich ich. Die Zwillinge Mirco und Marco sahen gar nicht aus wie Zwillinge. Meine Mutter hatte mir erklärt, es gäbe solche, die vollkommen gleich aussähen und andere, die wie ganz normale Geschwister waren, nur dass sie zur gleichen Zeit empfangen worden waren (ich weiß noch, wie ich bei diesem Wort kichern musste), die also auch zur gleichen Zeit in der Mutter heranwuchsen und dann natürlich am gleichen Tag geboren wurden. Naja, solche Zwillinge waren also Mirco und Marco. Sie sahen sich ähnlich, aber nicht zum Verwechseln.

Zu der Zeit war auch Jenny einer von uns. Wir machten noch keinen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen; das kam erst später.

Am Vormittag hatten wir an unserer Hütte im Wald gearbeitet. Der Pfiff von Stefans Großvater hatte uns, wie immer, rechtzeitig zum Mittagessen nach Hause geholt, aber jeder von uns erhielt das Versprechen, anschließend dürften wir wieder zusammen losziehen. Was wir dann auch taten. Stefan hatte von seiner Großmutter für jeden von uns einen dicken, roten Apfel dabei.

„Heute Nachmittag wird der alte Fritz beerdigt“, begrüßte er uns, als wir wieder aufeinander trafen. Marco und Mirco klatschten in die Hände; Jenny kombinierte scharf, dass es später im Gemeindesaal Kuchen gäbe und ich forderte meine Freunde auf, mir zu folgen: auf zum Friedhof! Denn eines unserer Lieblingsspiele war es, uns in die Nähe der Friedhofsgärtner zu schleichen, die Männern beim Buddeln zu bespitzeln und dabei möglichst selbst nicht gesehen zu werden. Und wenn die Gemeinde kam, um ihre Mitglieder zu beerdigen, stahlen wir uns vom Platz sobald der Trauerzug vorüber war. Aber bis dahin gab es keinen besseren Ort als diesen – mit seinen alten Buchen und Eichen, den zum Teil halb verwitterten Grabsteinen und Familiengruften, die zum Verstecken und Fangenspielen nur so herausforderten.

Die Zwillinge hatten ihre Äpfel schon aufgegessen. Sie waren gierig gewesen! Auch Jenny hatte ihren verdrückt. Sie fand es lästig, ihn in der Hand zu halten. Stefans Exemplar war ihm aus der großen Brusttasche seiner Latzhose gefallen, als er sich kopfüber in den dicksten Ast der weitverzweigtesten aller Klettereichen gehängt hatte. Dabei war der Apfel ausgerechnet im Stechginster gelandet. Jenny wusste von ihrer Mutter, der sie oft im Garten half, dass man gefälligst die Finger nicht in den Mund steckte, wenn man Stechginster berührt hatte.  Wir nahmen an, dass das für den Apfel auch galt und hatten ihn verloren gegeben.

Nur ich hatte noch meinen, und war sehr zufrieden damit.

Als die Trauergäste sich an diesem Tag dann vor dem Friedhofstor aufgestellt hatten, um in stiller Prozession dem Sarg zu folgen, standen wir hinter der Hecke und warteten. Zum Mittag  mussten Mirco und Marco allerdings einen Kasper in ihrer Suppe gehabt haben, denn sie hörten gar nicht mehr auf, rumzublödeln. Ich widmete mich gerade hingebungsvoll meinem Proviant, als Marco Mirco schubste, dieser Stefan anrempelte, welcher ungebremst gegen mich fiel und wir beide dann zu Boden gingen. Jenny versuchte noch, eine lustige Rauferei zwischen uns zu verhindern, als sie plötzlich innehielt und mit entsetzten Augen aufsah: Mein Apfel rollte schnurgerade auf die sechs Sargträger zu, die eben den Weg entlang kamen und besonders würdevoll nach vorn blickten. Der erste hob seinen großen Fuß mit den blankpolierten Schuhen. Als er ihn wieder aufsetzen wollte, traf er mit seiner glatten Sohle genau die verhängnisvolle Frucht, rutschte daran ab, begann zu straucheln, stütze sich in einer halben Drehung und dem verzweifelten Versuch, das Gleichgewicht zurückzugewinnen, mit der rechten Hand am Sarg ab, fiel über seine eigenen und vor des nächsten Füße, welcher den Griff vollends losließ, um nicht – den Kopf voran – über den Vordermann zu stürzen, während der dritte von hinten den Sarg nicht mehr waagerecht halten konnte und dieser mit der rechten, vorderen Kante auf dem Boden aufschlug.

Dann herrschte Totenstille. 

Den Leichenschmaus konnten wir vergessen. Es hagelte Hausarreste. Aber meine Mutter erzählte mir später, dass das halbe Dorf später darüber lachte, wie wir alle auf den Sarg gestarrt hatten, voller Panik in der Erwartung, der Deckel würde gleich aufspringen!

Was wir nicht wussten: Der alte Fritz hatte seinen Körper zu Forschungszwecken dem nächstgelegenen Universitätskrankenhaus vermacht. Im Sarg lagen nur ein Anzug und seine alte Pfeife.

Freitag, 18. Mai 2012

Kinonews: Dark Shadows - Ein typischer Tim Burton

‚„Vampire sollen wie Vampire aussehen“, sagt Johnny Depp‘
(cinemaxx.de/FilmeundStars/Uebersicht/0#StarUebersicht).
Stimmt wohl. Johnny Depp oder eher: Barnabas Collins – aus verschmähter Liebe von der schönen Angelique in einen Vampir verwandelt – hat einen leichenblassen Teint, dazu kontrastierend schwarzes Haar, dunkle Augenringe und eingefallene Wangen, wie es sich im klassischen Sinne für einen Angehörigen dieser Art geziemt.

Vor allem aber sieht man ihm und dem ganzen Film den Tim Burton an!

Es ist geradezu faszinierend bedeutungslos, ob der Regisseur seine Charaktere von Menschen aus Fleisch und Blut darstellen lässt, oder ob er sie künstl(er)i(s)ch animiert. Einerlei, ob die Szenerie in natura existiert oder nur am Computer generiert wird: In seinen Filmen tragen alle Figuren diese ätherisch-transparente Aura (außer den Statisten). Immer heben sich seine Kulissen scharfkantig gemeißelt, gleich einem Scherenschnitt, vom Hintergrund ab; stets bleibt die Atmosphäre auf ewig mystisch-unscharf wie eine neblige Moorlandschaft.
Dank dieser Kunstgriffe, dieser geballten visuellen Entfremdung seiner Werke von der realistischen Perspektive, ist selbst eine Vampirgeschichte, in welcher der Blutsauger sich dem unappetitlich-notwendigen Ernährungsritual des gierigen Bisses in den Hals, mit anschließender Zurschaustellung seines blutbesudelten Kinns, hingibt – erträglich.

Die Geschichte selbst ist ok. Es geht um Familie und Liebe, um besagte verschmähte noch dazu, um Geld - das Übliche. Johnny Depp spielt gewohnt trocken, ein wenig stiff, einen guten Hauch british eben. Aber durchaus den heimatlichen Wurzeln seiner Figur angemessen. Und immerhin hat er - also Barnabas Collins - eine Weile (200 Jahre, um genau zu sein) unter der Erde gedauert. Da kann es schon mal vorkommen, dass einer nicht ganz up-to-date ist. Aber insgesamt hat man auch schon unterhaltsameres gesehen. 

Montag, 23. April 2012

Manchmal tut's auch ein Klassiker

Die Ostertage neulich fand ich wirklich gut. Soviel Zeit, in der ich nichts konkretes geplant hatte. Endlich einmal nur das tun, was mir in meinen eigenen vier Wänden zu tun einfallen könnte oder es auch einfach lassen. Zum Beispiel: den großen Stapel „DIE ZEIT“-Zeitungen reduzieren (gemacht); einfach nur Musik hören (auch gemacht); aufräumen (sogar das – ein wenig, ich bin ja gegen jegliche Übertreibung)… Oder auch: DVDs aus meinem Bestand schauen, die ich noch nie gesehen habe. Einige Exemplare stammen von irgenwelchen Frauenzeitschriften, die damit Kundinnen ködern wollten. Für die jeweilig Ausgabe hatten sie bei mir damit Erfolg.

Unter anderem: Ein Herz und eine Krone, eine Dreingabe der Vanity Fair, vor geschätzten zwei Jahren. Ein alter schwarz-weiß-Film, mit Audrey Hepburn und Gregory Peck. Die Geschichte einer Prinzessin, die aus dem Palast ausreißt, um mal ein paar Stunden „prinzessin-frei“ zu haben und kurz darauf von dem Journalisten Joe Bradley auf einer Mauer schlafend gefunden wird. Vollkommen ungeplant landet sie dann - auf seinem Sofa.
Bisher konnten mich alte Filme nicht vom Hocker reißen – meist sind sie mir zu dramatisch, zu überkandidelt. Und bei diesem speziellen Stück hatte ich noch dazu die Erwartung, dass ein schlechtes Ende bevorstünde. Als absolute Befürworterin des „Happy End“ boykottiere ich in der Regel nicht-happy-end-Geschichten! (Bei Titanic habe ich allerdings mehrfach die Ausnahme gemacht).
Jedenfalls: Schnell stand die Ahnung im Raum, dass dieser Film Charme hat! Gut, die Hauptdarstellerin hat einen wesentlichen Anteil daran. Ist Audrey Hepburn nicht geradezu bekannt für ihren Liebreiz und eben – Charme?! Davon abgesehen ist auch Gregory Peck absolut nicht zu verachten. Ein Bild von einem Mann! (Es ist ein alter Streifen, da müssen geradezu unmoderne Begriffe und Formulierungen herhalten).
Rein inhaltlich betrachtete, musste ich jedoch spätestens über den Charakter des Joe Bradley schmunzeln, als er eine  absolut durchschaubare Taktik des Flunkerns seinem Redakteur gegenüber an den Tag legt, um den verpassten Interviewtermin mit Prinzessin Anne zu vertuschen. Dumm nur, dass er nicht weiß, dass dieser Termin offiziell wegen angeblicher Krankheit der Prinzessin abgesagt wurde. Er ist schon ein kleiner Halodri, der Gute. Pinocchios Nase hätte wohl gleich von Rom bis nach Paris gereicht!
Was mich aber dann endgültig überzeugte, war gegen Ende der Geschichte die Beobachtung eines sehr feinen Mienenspiels der Darsteller: ein Zucken im Mundwinkel hier, eine leichte Hebung der Augenbraue dort; ein Schlucken, das die Schwere des Momentes allein in die Bewegung des Adamsapfels legt ….
Auf eine sehr stille Weise, ohne jeden Text, erzählen gerade diese Szenen klar und deutlich von dem, wie es um das Seelenleben der Figuren bestellt ist! Ich war begeistert.
Natürlich habe ich seither etwas genauer hingesehen, wie es um die Mimik von Schauspielern egal welchen Filmes bestellt ist. Abgesehen davon, dass die meisten Geschichten, die ich in den letzten zwei Wochen sah, mit wesentlich lauteren Stilmitteln – wie z.B. einem Soundtrack – aufwarten, halte ich nach momentanem Stand genau dieses Element in Ein Herz und eine Krone für tatsächlich beachtenswert. Ist es große Schauspielkunst oder große Regiekunst? Oder beides?
Wie dem auch sei – ich werde diesen Film garantiert noch mindestens einmal sehen. Wegen der Schauspieler, wegen der Geschichte und wegen der Mimik. Oder vielleicht auch in einer anderen Reihenfolge der Gründe. Denn eins ist klar: Es lohnt sich.

Sonntag, 22. April 2012

In einer anderen Welt?

1Q84 begegnete mir an einem dunklen Winterabend in der Bahnhofsbuchhandlung. An diesem Abend mochte ich es mir nicht verkneifen, diesen Fund liegen zu lassen und außerdem ging es darin um einen Schriftsteller. Zumindest, soweit ich das anfangs beurteilen konnte ;-)

Tengo ist Mathematiklehrer an einer Yobiko, einem privaten Institut zur Vorbereitung von Studienanwärtern auf die Aufnahmeprüfungen. Davon abgesehen gilt seine Leidenschaft der Schriftstellerei. Bisher hatte er damit keinen Erfolg, aber er lektoriert andere Werke und bei seinem Herausgeber hat seine Meinung Gewicht. Schließlich wird er Fukaeris Die Puppe aus Luft überarbeiten, damit diese hoffentlich einen Debütpreis gewinnt – was auch tatsächlich passiert.

Aomame ist Fitnesstrainerin und mit dem menschlichen Körper zutiefst vertraut. Wenn es notwendig ist, betätigt sich als Auftragskillerin im Namen der Menschlichkeit.

Beide leben am Rande der Gesellschaft, sind im Grunde Einzelgänger und ihre Schicksale letztlich eng miteinander verwoben.

Die Geschichte um Die Puppe aus Luft im Jahr 1Q84 (einer Paralellerscheinung zu 1984) wird abwechselnd mit dem Blick auf Tengo und Aomame erzählt. Zwei von drei Büchern sind in diesem Band zusammengefügt. Dabei ist das erste Buch stärker von Handlung getragen, während Buch zwei sich überwiegend mit dem Innenleben der beiden Protagonisten in ihrer jeweiligen Situation befasst.

In Buch eins bleibt vor allem die Frage bestehen: Worum genau geht es hier eigentlich? Auf Seite 400 ist es mir noch nicht klar. Die Geschichten von Tengo und Aomame scheinen in keinem Zusammenhang zueinander zu stehen, und beide weisen als Einzelgeschichten ebenfalls keine klar greifbare Richtung auf. Genausogut könnte man seinem Nachbarn dabei zusehen, wie er sich auf den täglichen Spaziergang mit seinem Hund vorbereitet und auch tatsächlich das Haus verlässt, obgleich das Erzählte natürlich weit mehr Kuriosität aufweist.

Interessant finde ich die schriftstellerische Aspekte, die – durch die Figur bedingt – vor allem in Tengos Anteilen zum Tragen kommen, und Aussagen wie: „Wenn in einer Geschichte eine Pistole vorkommt, muß sie auch zum Einsatz kommen“, lassen aufmerken. Auch wenn diese ein Zitat ist. Merkwürdigerweise fällt es jedoch in einem Aomame-Kapitel. Diese Verwobenheit erzählerischer Elemente über verschiedene Charaktere hinweg irritiert, denn sie zeichnet keine klaren Charakterstrukturen, sondern lässt den Verdacht aufkommen, dass der Autor ein bestimmtes Kontingent an Inhalt einfach immer wieder aufrollt, um der Geschichte Volumen zu verleihen.

Einzig Fukaeri, die Autorin von Die Puppe aus Luft zeichnet sich durch eine konsequente Andersartigkeit aus, und es stellt eine echte Herausforderung dar, ihre Art des Fragens ohne Fragezeichen zu intonieren. Wie geht das, wenn Fukaeri fragt: „Darf ich die Hand noch halten“ (S. 203), ohne dabei die Stimme einem Fragesatz gemäß zu modulieren? Eins kann ich dazu sagen: es ist nicht leicht!

Faszinierend ist jedoch auch Aomames Konzentrationskraft zu beobachten. Stück für Stück kann man sie begleiten bei der Entdeckung, dass irgendetwas in ihrer Welt im Jahr 1984 nicht stimmt. Selbst die Feststellung: “Ich bin nicht verrückt. Die Welt ist verrückt. - Aber denken das nicht alle Verrückten?“ besticht in seiner analytische Exaktheit, die sie an dieser Stelle konsequent auch auf ihre eigene Wahrnehmung anwendet.

Mit der Zeit fällt auf, dass Murakami Gedankengänge zu oft wiederholt, ohne dieser Wiederholung Sinn zu verleihen. Er verdeutlicht auch nicht, dass er bzw. die Figuren sich dieser Wiederholungen als solcher bewusst sind. Mehr als einmal fragte ich mich, ob der Autor lediglich vergessen hatte, dass er eine Darstellung bereits in genau der gleichen Weise verwendet hatte, wie z.B. beide Male, als Tengo seinem Vater begegnet, und er beide Male feststellt, dass dieser um eine Kleidergröße kleinergeworden wirke. Bei der zweite Erwähnung hätte ein „und wieder“ oder ähnliches die Feststellung eines erneuten Schrumpfens oder z.B. ein „wieder fiel ihm auf“ die bewusst wiedererlebte Beobachtung verdeutlichen können. Solche Doppelungen kamen sogar auf einer einzigen Seite vor, ohne dabei ein Verstärkung des bisher beschriebenen zu bewirken, wie es damit durchaus geschehen kann. Vor allem das zweite Buch ist an vielen Stellen schlichtweg in die Länge gezogen, die gedanklichen Reflexionen erscheinen oft überflüssig und keineswegs mit einem natürlichen Denkprozess vergleichbar (jedenfalls nicht mit meinem). Stattdessen wirken sie wie wohlausgefeilte Reden und Rechtfertigungen. Vermutlich hätte dieser Band ohne weiteres um mehr als 100 Seiten kürzer sein können. Der Inhalt wäre der gleiche geblieben.

Da die Geschichte selbst aus insgesamt drei Bänden besteht, fehlt diesem Buch ein konkreter Schluß. Das Ende des letzten Kapitels würde ebenso wie alle anderen dazu verleiten, die Seite umzublättern – wenn denn noch Seiten da wären.

Hierin liegt aber auch die Stärke des Romans. Trotz der Längen, obwohl das erste Buch kaum Anhaltspunkte liefert, worauf die Gesamtkomposition überhaupt hinauslaufen soll, trotz der immergleichen Anleihen an Nebenthemen (Musik, Literatur, die Akebono…) für alle beteiligten Figuren ohne gemeinsamen Erfahrungshintergrund, der einen relativen Einheitsbrei aller Figuren untereinander entstehen lässt, fällt es erstaunlich leicht, immer weiterzulesen. Vielleicht liegt es an dem derart ausgelösten Bedürfnis, doch noch Ordnung in das Chaos zu bringen. Vielleicht gilt es, weiterzulesen, um Seite für Seite hoffentlich mehr Puzzleteile des Gesamtbildes herausarbeiten zu können. Dabei geschieht das Umblättern ganz automatisch. Trotz aller Kritikpunkte schafft Murakami es, eine Welt zu weben, in die sogar der Leser hineingezogen wird.

Wenn man also Zeit hat, die nicht verloren scheint durch zuviel Doppeltes – dann kann man Murakamis Geschichte genießen als fantasievolles Konstrukt aus Welt und Paralellwelt, aus fast alltäglichem und fremdartigem, aus Menschlichkeit und Mythos. Allerdings sollte man dann wohl auch in Betracht ziehen, Band drei gleich mitzukaufen und noch ein paar Tage Lesezeit dranzuhängen.

Mittwoch, 4. April 2012

Rasante Leichensammlung

Neulich habe ich auf Vorablesen.de mal einen Krimi ergattert. Es ist zwar nicht so, dass ich Krimi’s zu meiner Lieblingslektüre zähle, aber hin und wieder können sie ganz amüsant sein. Es soll ja Leute geben, die lesen solche Romane der Spannung wegen. Das ist nicht so ganz mein Metier. Für mich sind die kriminellen Machenschaften eher Randthema. Aber die ermittelnden Figuren, ihr Umfeld – und manchmal sogar die Sonderbarkeiten der Täter, solange sie noch menschlich sind – die sind oft genug recht interessant. Nicht wahr?
Nun gut, mein erster gewonnener Krimi stammt von Harry Kämmerer. Es ist sein zweites Werk und heißt Die schöne Münchnerin. Selbige ist dabei  weder die erste noch nicht die einzige Leiche in diesem turbulenten Reigen um Schönheitswahn, Organhandel und Geldgier.
Von Anfang an wuseln viele Menschen und diverse Leichen über die Seiten. Allein der Einstieg reißt den Leser sofort mit – „Wwwrrroooaaaarrrrrrrrrr…“ – und die wiederholt enorm unprätentiöse Darstellung im Angesicht des Todes ist beeindruckend: „Wenn er wenigstens an die Anlage käme, um sie abzustellen. Keine Chance. Orchester und Chor schwollen noch einmal machtvoll an, als er das schwarze Wasser schluckte. So schmeckte also der Tod.
Dann verstummte auch Verdi.“
Durch schnelle Sprünge zwischen den Personen und Situationen kam es jedoch, dass ich eine Weile brauchte, bis die einzelnen Charaktere genug Eindruck hinterlassen hatten, um als Figuren jeweils ihren Platz in der Geschichte einzunehmen. Dosi und Gesine, Hummel, Zankl, Mader, Dr. Schwarz, Dr. No, Dr. Hanke, Dr. Weiß... Erst bei Seite 180 fiel mir auf, dass ich sie nun endlich alle zusammensortiert hatte.

Aber diese Geschichte lebt auch von sehr hohem Tempo. Dabei schafft Kämmerer es, dem lesenden Geist mit eher knappen Beschreibungen viel Raum für Phantasie zu geben, aber auch nicht zu viel. Pointiert erfasst er das Wesentliche: „Punkt Viertel vor acht entstieg sie einem Taxi – ihr beim Aussteigen freigelegtes Strumpfbein wirkte irritierend attraktiv auf ihn. Öha.“ Gerade durch den kompakten und schnellen Erzählstil mündet seine Erzählung immer mal wieder in einem gelungenen Witz.

Die für meinen Geschmack interessanteste Frage wird leider nicht befriedigend beantwortet: Warum lässt sich eine schöne Frau mit einer schönen Nase eine andere anoperieren?
Davon abgesehen haben Mader & Co. nach dem Lesen nun aber ihren Platz im Regal gefunden und können dort auch erst einmal bleiben. Da noch mehrere Fälle für das Team zu erwarten stehen, kann die geleistete Kennenlernarbeit beim nächsten Werk ja vielleicht in einem vertrauten Wiedererkennen münden. Und falls irgendwann mal Unterhaltung von Nöten ist, aber kein neuer Roman zur Hand – kann ich mir vorstellen, Die schöne Münchnerin eventuell erneut zu bemühen. Und das ist ja immerhin gar nicht mal so oft der Fall…

Samstag, 17. März 2012

Denke nie, gedacht zu haben...

Eines der letzten Bücher, dass ich mir selbst gekauft habe, war Die Kunst des klaren Denkens von Rolf Dobelli. Nach einer kurzen Testlektüre in der Bahnhofsbuchhandlung konnte ich es einfach nicht stehen lassen. Vermutlich lag das daran, dass genau dieses Kapitelchen mir gerade so perfekt meine eigenen Gedanken bestätigte („Das Chauffeur-Wissen“).
Insgesamt hatte ich mir wohl auch ein wenig Zen-artige oder buddhistische Weisheit darüber erwartet, wie man seinen Kopf klug benutzt. Die war dann aber nicht zu finden.
Statt dessen waren es so definierte 52 Denkfehler, die Dobelli aus seinen Kolumnen für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und der Schweizer SonntagsZeitung zu einem kleinen Büchlein zusammengefasst hat. Denkfehler, die wir machen, weil wir nur unsere eigene Perspektive kennen, und die der anderen ignorieren; Denkfehler, die entstehen, weil das, was wir für wahrscheinlich halten, meistens nichts mit logischen Wahrscheinlichkeiten zu tun hat; Denkfehler, die wir machen, weil wir einfach denken, wir wüssten, wie der Hase läuft - statt genau hinzusehen; Denkfehler, die gar nicht darauf beruhen, dass wir denken, sondern auf Bauchentscheidungen. Usw... Man könnte auch sagen: 52 trügerische Varianten, dem eigenen Denken und den eigenen Erfahrungen zu glauben.

Es sind jeweils kurze, genau dreiseitige, Texte. Jeder mit einem angeblich anderen Denkfehler. Wenn man aufmerksam liest, wird man jedoch feststellen: es sind nicht 52 Denkfehler. Es sind weniger. Denn einige wiederholen sich, werden aus einer anderen Perspektive erneut vorgestellt. Wie die Geschichte mit dem Ignorieren von mathematischen Wahrscheinlichkeiten. Da gibt es 'THE OUTCOME BIAS ' Beurteilen Sie nie eine Entscheidung aufgrund des Ergebnisses' und es gibt 'DER SPIELERFEHLSCHLUSS ' Warum es keine ausgleichende Kraft des Schicksals gibt'.
Mehrere Kapitelchen davon hintereinander weggelesen können einem glatt die Stimmung verderben mit all dem, worauf man so achten müsste, wollte man diese Fehler nicht begehen. Leider beleuchten seine Kolumnen zumeist auch nur eine Seite der Medaille. Ich finde das nicht in Ordnung – denn damit wird etwas abgeurteilt, was nicht immer eine Kritik verdient! Nun gut, hin und wieder gibt er die andere Seite zu bedenken. Aber eben nur hin und wieder. Insgesamt sind die Beispiele recht knapp gehalten und mit so speziellen Beispielen versehen, dass allein dadurch schon wieder eine Verzerrung entsteht. Und wie soll man so etwas extrem Spezielles auf andere Themenbereiche übertragen, wenn man das Beispiel aufgrund mangelnder Erfahrung nur schwer oder gar nicht nachvollziehen kann?

Zumindest gibt er selbst zu, dass selbst er nicht frei ist von diesen Denkfehlern. Weil viele einfach tief in unseren Denkgewohnheiten verankert sind. Sie zu entdecken und auszumerzen braucht Geduld und Disziplin.

Was mir jedoch an der Sammlung gefallen hat, ist, dass es Denkfehler gibt, bei denen man sich unbedingt an die eigene Nase fassen muss, und damit hat Dobelli seine Absicht der Bewusstmachung erfüllt! Und andere Denkfehler, die eher andere machen – somit kann man sich an diesen Stellen einfach wunderbar überlegen fühlen. Und bei manchen ist es einfach praktisch, mal davon gehört zu haben! Für welchen Zweck auch immer.

Das Ganze ist in einem kleinen Buch verpackt. Optisch und preislich eignet es sich hervorragend zum Verschenken, es hat sogar in den meisten Handtaschen Platz. Durch die kurzen Kapitel kann man es Stück für Stück während kürzerer Bus- oder Bahnfahrten lesen. Am Ende hat man mit Sicherheit nebenbei irgendetwas gelernt. Also eigentlich ist es ein kleiner Allrounder. Was braucht man mehr?

Mittwoch, 14. März 2012

Fühlen und Denken verboten!

Meinungsfreiheit wird nicht sonderlich groß geschrieben in Vietnam. Genau genommen sogar eher klein. Besser noch, man hat gar keine Meinung. Bui Chat jedoch hat eine Meinung. Also schreibt er. Er schreibt Gedichte. Gefährliche, kleine Gedichte. Über Gefühle. Und vielleicht auch ein wenig Politik. Gefühle sind gefährlich. Gefühle in Bezug auf Politik sind noch sehr viel gefährlicher! Denn wenn die jemand läse, könnte er auf die Idee kommen, ebenfalls darüber nachzudenken, ob er Gefühle hat. Oder gar eine politische Meinung. Naja, zum Glück kann man als Regierung etwas dagegen tun! Menschen mit gefühlvollen Meinungen landen in Gefängnissen. So einfach ist das.

Den Bericht über Bui Chat kannst Du in der ZeitCampus-Ausgabe Nr. 2, März/April 2012, nachlesen.

Montag, 12. März 2012

Riikka Pulkkinen: Wahr

Die letzte Rezension, die ich verfasst habe, behandelt Wahr von Riikka Pulkkinen. Im ersten Moment, als ich die Leseprobe durch hatte, dachte ich, es ginge in dieser Geschichte um Trauer. Aber schon kurze Zeit später, mit dem Roman in der Hand, stellte sich heraus, dass das nur die halbe Wahrheit ist. Neben der Geschichte um Elsas Familie, die sich mit ihrem bevorstehenden Tod auseinandersetzen muss, wird nämlich auch noch die Geschichte von Eeva erzählt - und, weniger auffällig, die von Anna.

Inhaltliches:
Ob die Geschichte von Eeva so wahr ist, wie sie erzählt wird, ist nicht klar. Sie könnte auch eine Mischung aus der Wahrheit und dem Erfindungsgeist Annas sein. Denn tatsächlich kann Eeva ihre Geschichte nicht mit eigenen Worten erzählen. Sie ist längst tot. Für Anna hingegen bietet Eeva die perfekte Projektionsfläche für ihre eigenen, früheren Erlebnisse und ihren eigenen Schmerz, der sie tagelang auf den Dielen ihrer Wohnung liegen ließ.
Anna ist Elsas Enkeltochter. Während Elsa sich noch um einen Rest Normalität bemüht, fischt Anna für ein altes Spiel unbeabsichtigt Eevas Kleid aus Elsas Kleiderschrank. Nun weiht die Großmutter die Enkeltochter in das Geheimnis ein, an dass sich Eleonoora, Tochter von Elsa und Mutter von Anna, nicht mehr erinnert: die Beziehung zwischen Eeva, dem Kindermädchen, das die Mutterrolle übernahm, wenn die Mutter selbst auf Reisen war, und Vater Martti, einem bekannten finnischen Künstler.
Die Erzählweise:
Wahr ist eine intensive Geschichte, die Eindringlichkeit der Erzählung immens. Nach den ersten Kapiteln fragte ich mich, ob ich es aushalten würde, ein ganzes Buch, das so nahegeht, zu lesen. Es wurde dann aber etwas leichter. Die Intensität jedoch bleibt. Auf Seiten der Familienmitglieder schlicht durch den nahenden Tod Elsas, der immer wieder in den Sätzen durchscheint, teilweise klar in den Gedanken, den Dialogen, den Situationen verankert, teilweise mehr aus Satzfragmenten und zwischen den Zeilen erkennbar. Dabei drückt die Erzählung nicht auf die Tränendrüse. Den eindringlichsten Charakter erhält allerdings Eevas Erzählung, aus der Ich-Perspektive geschildert und mit gelegentlichen, leisen Vorgriffen auf zukünftige Momente. Ein wenig verwirrten mich beim Lesen die identischen Beschreibungen mancher Gefühlszustände, wie des einen, der „aus ihr heraus und in die Dielen“ sickerte – sowohl in der Erzählung von Eeva als auch in Annas Passagen. Doch dies ist ein Grund mehr, den projektiven Charakter von Eevas Geschichte zu vermuten.
Zu wenig deutlich wird der Einfluss der Vergangenheit bzw. der Einfluss der aufgefrischten Erinnerungen auf die gegenwärtigen Beziehungen, sowohl zwischen Martti und Elsa als auch zwischen Eleonoora und Elsa. Lediglich die Verbindung zwischen Annas und Eevas Geschichte wird klar genug herausgearbeitet, um die Bedeutung der Erzählung der einen Geschichte für die andere zu verstehen.
Fazit:
Es ist kein Buch, von dem ich sagen kann: „Es hat mir gefallen." Gut ist es trotzdem. Auch trotz der Kritik. Leider weiß ich jedoch nicht recht, wem ich es empfehlen soll – garantiert nichts ist es allerdings für jene, die es leicht und flockig bevorzugen. Dieses Buch ist insgesamt eher tiefgründig und präzise.
Und das Cover? Das ist pink-violett.

Mittwoch, 7. März 2012

Anständige Mädchen? Ansichtssache

Dieses Buch fiel mir in der Bahnhofsbuchhandlung irgendwann im vorletzten Winter in die Hände. Ich merkte mir den Titel: Handbuch für anständige Mädchen. Aber bevor es zu meinem Eigentum werden konnte, war es vom Präsentationstisch verschwunden. Ich hatte jedoch Glück: die Freundin meines Bruders, meine vielleicht-quasi-Schwägerin-in-spe (das darf er jetzt nicht lesen, sonst köpft er mich) erzählte von sich aus, dass sie es habe! Sie lieh es mir :o). Und das war gut so. Der Roman von Elaine di Rollo ist einer der wenigen, die ich im letzten Jahr wirklich genossen habe!

Der Rahmen:
Ein Haus voller Kuriositäten aus Zeiten, als Fotografie noch eine moderne Errungenschaft war; zwei Schwestern, die von ihrem Vater dazu benutzt werden, ihm Kuratorinnen zu sein, aber genau deswegen zu gebildeten und starken Frauen heranwachsen; ein perfides, patriarchalisches Weltbild, das ihnen die Rolle der Frau jener Zeit zuschreiben will, in das sie doch nie hinein erzogen wurden – und die Weigerung beider, jeder auf ihre eigene Art, sich dem zu beugen.

Zur Geschichte:
So muss Lilian, die hübscher der beiden Zwillinge, die gar als Drillinge zur Welt kamen, das Haus verlassen, nachdem sie dem Familienvorstand Schande bereitete. Mit einem schnell geehelichten Missionar wandert sie nach Indien aus. Dort passt sie sich weit besser an die Hitze, die Menschen und die Umstände an, als ihr in England so bekehrungseifriger Gatte. Er verstirbt (zum Glück, gewissermaßen) und lässt sie als freie Witwe zurück.

Alice hingegen bleibt mit dem Vater, ihren Tanten und noch einigen weiteren Hausbewohnern an Ort und Stelle. Auch ihr eröffnen sich unbekannte Möglichkeiten, als ein neuer Gast ihres Vaters - dessen wissenschaftlichen Forschungsdrang zu Diensten - im Haus einzieht. Aber auch Gefahren lauern, denn das Weltbild dieser Zeit hält nichts von selbstdenkenden Frauen.

Wie ist es gemacht?
Beide Erzählstränge strotzen vor geschichtlichem Hintergrund, lebendig eingebettet in das jeweilige Umfeld von Lilian und Alice. Ein Großteil der moralischen Äußerungen der meisten Figuren wären für mich kaum zu ertragen, wären da nicht die beiden Hauptfiguren, die es gedanklich zu unterstützen gilt.

Andererseits ist es überaus amüsant, den Gesprächen der Tanten im Hause Talbot zu folgen - alt und gebrechlich, wie sie mittlerweile alle sind, aber voller Herzensgüte und Liebe für Alice (und Lilian). Am Ende, kurz vor dem großen Showdown, geben sie ihr Bestes, die anstehende Katastrophe zu verhindern. Und in Anbetracht der Tatsache, dass Frauen zu damaligen Zeiten kaum etwas zu melden hatten, stellt dies eine ebenso amüsante wie beachtenswerte Aktion dar.

Fazit:
Der Roman von Elaine di Rollo lebt natürlich von dem Widerspruch dieser zwei selbständig und klug denkenden Frauen innerhalb des frauenfeindlichen, selbstherrlichen Weltbildes der Männer in der Zeit um 1860, wie es durch Mr. Talbot und besonders Dr. Cattermole in England, aber auch durch die Mitglieder der Britischen Kolonie in Indien vertreten wird. Neben vielen charmant-kurios anmutenden Situationen im Umfeld der wissenschaftlichen Errungenschaften im Hause Talbot kommt es jedoch auch zu blutrünstigen Ereignissen in Indien, die im ersten Moment der Entwicklung unerwartet heftig auf den Leser einstürzen, obwohl bis zu diesem Moment die tragischen Komponenten der Ansichten und Geschehnisse insgesamt eher beiläufig innerhalb der Geschichte ihren Platz haben.

Mein Eindruck:
Der Erstling di Rollo’s besticht durch die beiden Hauptfiguren, für die ich kaum weniger als Bewunderung empfand, durch liebenswerten Tanten und anschauliche Details. Der Kontrast der gesellschaftlichen Stimmung bietet den Nährboden für diese Geschichte. Es ist erschreckend, sich die Ignoranz vor Augen zu führen, mit der viele Argumentationen hervorgebracht und vertreten werden. Wer mag, kann dies als unterhaltsame Sonderbarkeiten der Unwissenheit abtun, wer weniger mag, findet hier viel Stoff, sich hinter die Ohren zu schreiben, dass es oft angebracht ist, genauer hinzusehen. Zum Glück hat die Brutalität der Folgen jener Ignoranz in der Geschichte nur einen mäßigen Raum eingenommen, ansonsten hätte ich das Buch trotz der sonstigen Begeisterung nicht zu Ende lesen können.

Wer dieses Buch mögen könnte:
Liebhaber starker Frauencharaktere, historischer Stoffe und enger Beziehungsbande kommen hier auf ihre Kosten.

Samstag, 3. März 2012

Inkonsequent und fehlerbehaftet...

Eine versteckte Welt - das ist Hyddenworld. Versteckt in den Nebeln und Schatten der Welt, so nah an der Menschenwelt, dass die Hydden deren Welt durchaus teilen - nur die Menschen wissen wieder einmal nichts von diesen Anderen.

Liebenswert:
Die Hydden sind charmant, witzig und liebenswert dargestellt. In ihren Charakteren ebenso wie in ihren Bräuchen. Vor allem Bedwyn Stort, anfangs ein sehr junger Geselle, sticht heraus in seiner kuriosen Art und Andersartigkeit unter den Andersartigen. Er ist ein Wissenschaftler durch und durch und zusätzlich gesegnet mit einem hervorragenden Gespür für das Kommende, somit durchaus auch für Gefahren. Und natürlich kommen Gefahren in dieser Geschichte. Denn es gilt, den Riesengeborenen (Jack) zu schützen, bis er alt genug ist, seine Aufgabe zu erfüllen und ihm anschließend zu helfen, dabei auch erfolgreich zu sein.
In der Menschenwelt ist Arthur Foale der erste Kontaktpunkt. Er ist ebenfalls Wissenschaftler und einer der wenigen Menschen, die von den Hydden wissen. Auch er zeigt sich als ein liebenswerter Sonderling. Der Einstieg in den Roman besticht also vor allem durch eben diese besonderen Figuren.

Übergeordnete Struktur:
Später werden die Welten sich verbinden. Mehr oder weniger. Einige der Figuren werden die feine Grenze überqueren, und es wird die Gemeinschaft von Menschen und Hydden sein, die von Bedeutung ist für das Große, was da kommt.
Rein weltlich betrachtet spielt Hyddenworld hauptsächlich in England. Es gibt aber auch Berührungspunkte nach Deutschland, und im historischen Hintergrund spielt ebenso Russland eine Rolle. Aristokratie und Machtstrukturen erinnern an den zweiten Weltkrieg.

Natürlich gibt es diese Machtstrukturen in der Geschichte. Natürlich gibt es dunkle und böse Gestalten, denen an nichts anderem als eben Macht gelegen ist. Und die Brutalität und Detailliertheit, die in diesen Erzählmomenten vorkommt, stehen in extremen Gegensatz zu der Feinheit und Liebenswürdigkeit der Erzählung über die Hydden.

Kritik:
Überhaupt: die Detailversessenheit des Autors an mancherlei Stelle tut der Geschichte keinen Gefallen. So sind gelegentliche Erläuterungen über die Hintergründe von Situationen und Personen ellenlang und mehr als einmal vollkommen unbedeutend für den weiteren Erzählverlauf - oder welchen Sinn hat es, über die genauen ehelichen und außerehelichen Hintergründe einer Randfigur informiert zu sein, die dann in einem kurzen Streich dahingemeuchelt wird?

Andererseits ist es dann gerade die an und für sich tragende Geschichte um Jack und Katherine, die in ihrer Banalität und Flachheit enttäuscht! Genau - Jack, der Riesengeborene, und Katherine, ein junges Menschenmädchen, deren Schicksale in frühester Kindheit auf tragische Weise miteinander verbunden werden. Der Leser erlebt ihre pubertierende Unsicherheit auf derart klischeeartige Weise, dass es weh tut und ihre gemeinsame Entwicklung kann leider nicht überzeugen.

Auch Jack's besondere Fähigkeiten (Schnelligkeit, Kraft), die mit seiner Herkunft zusammenhängen, machen zwar Sinn, wenn man sich diese ins Gedächtnis zurückruft - aber der erzählten Darstellung dieser Momente fehlt die Überszeugungskraft stringenter Logik. Statt im Leser das Gefühl wachzurufen: 'natürlich, es kann gar nicht anders sein, als dass Jack diese blitzartige körperliche Reaktionsfähigkeit zeigt, wie er es tut', stellt sich die Frage, wo er das hernimmt. Abgesehen davon, dass ihm diese Fähigkeiten zugeschrieben werden ... fehlt ihnen eine überzeugende Geschichte. Wenn er doch wenigstens in einen Zaubertrank gefallen wäre wie Obelix...!

Ein deutlicher erzählerischer Schwachpunkt sind Doppelungen einzelner Informationen, die sich nicht aufeinander beziehen. So erzählt der Autor bzw. Katherine an einer Stelle von dem großen Garten um das Haus, indem Jack und sie sich gerade befinden. Zwei Seiten später wird beschrieben, dass der Garten des Hauses sehr groß ist. Nicht: 'tatsächlich'. Nicht: 'er musste ihr Recht geben, der Garten war wirklich sehr groß'. Nicht: 'Er suchte sie lange in diesem großen Garten'. Nein. Einfach nur zweimal in kurzem Abstand die Ortsbeschreibung des großen Gartens um das Haus herum. Derartiges geschieht mehr als einmal, sogar auf einer einzelnen Seite kommt es vor. In diesen Momenten stellt sich mir die Frage: hat der Autor nicht mehr im Kopf, was er geschrieben hat? Hat er seine Arbeit nicht überprüft?

Meine Reaktion:
Auf den letzten 100 Seiten bin ich dann dazu übergegangen, ganze Kapitel nur noch pro Absatz darauf zu scannen, ob hier wesentliche Handlungen oder Hintergründe zu erwarten stehen. Die Erzählung quält geradezu mit ausschweifenden, in ihrer Bedeutsamkeit nicht nachvollziehbaren Erläuterungen. Vielleicht machen diese Sinn, wenn man das Buch als den Beginn eines Mehrteilers liest. Als Einzelwerk gibt es ihm den Todesstoß. Und als wäre das nicht bereits genug, zeigt sich der Showdown dieses Bandes in einer extrem flach erzählten, extrem unglaubwürdigen und billigen Lösung für das große Rätsel von "Der Frühling". Als ich den letzten Satz gelesen hatte, dachte ich nur noch: "Geschafft!"

Fazit:
So sehr ich mich in Bedwyn Stort verliebt habe und Teile der Geschichte mich schmunzeln und genießen ließen ... die Kritikpunkte wiegen für mich so schwer, dass ich Hyddenworld insgesamt als eine enorm große Enttäuschung empfinde!

Donnerstag, 1. März 2012

Herzerwärmend respektlos!

Die halbe Welt hat ihn schon gesehen, und ich nun endlich auch: Ziemlich beste Freunde. Die Geschichte um den querschnittsgelähmten, ziemlich reichen Philippe und den (im Film) ziemlich schwarzen, grade aus dem Knast entlassenen Arbeitslosenhilfeempfänger Driss. Der Film startet mit einer rasanten Fahrt in einem Maserati (mir wurde beim Zusehen schwindelig, und das Auto sah gut und schnell aus – muss frau mehr wissen?), die zu einer Verfolgungsjagd mit der Polizei wird und gleichzeitig schon in diesen ersten Momenten für laute Lacher sorgt! Aber das ist nicht der Anfang der Geschichte an sich.

Driss hatte nicht damit gerechnet, von Philippe eingestellt zu werden. Er ging davon aus, er bekommt, wie üblich, nur seine Unterschrift für’s Arbeitsamt. Wozu dann also ein Blatt vor den Mund nehmen, was im Banlieu (Randbezirk, meistens geografisch und sozial) einer Stadt, aus dem er kommt, sowieso nicht an der Tagesordnung steht. Aber manche Menschen, denen es schlecht geht und die darum wissen, wollen nichts anderes. Sie wollen die Wahrheit. Sie wollen Echtheit. So wie Philippe. Gerade wegen der Respektlosigkeit, mit der Driss ihm begegnet, will er ihn haben. Und es funktioniert. Es funktioniert gut. Für Philippe – was spätestens daran deutlich wird, dass diese Geschichte eine wahre Geschichte ist. Es funktioniert für den Zuschauer, denn der hat herrlich was zu lachen! Und ja, für Driss auch – der hat nämlich nun seine eigene Badewanne!

Es ist wahr: einige Kritiken bemängeln die wenig dramatische, sprich naive, Darstellung der konfliktreichen sozialen Hintergründe. Sch… drauf, die Welt ist schlecht genug. Da ist es einfach herzerwärmend, einmal die ungestelzten Direktheiten unterschiedlich geprägter Menschen miteinander zu beobachten – von Menschen, die bereit sind, sich einzulassen, sich berühren zu lassen. Außerdem rührt diese Offenheit für das Ehrliche oft genug aus dem Verdruss an den gewohnten Strukturen, die keine Verbesserung bringen, die einsperren in einen Käfig aus guten Manieren und innerem Todsein. Und letztlich haben gerade die leisen Anklänge der unterschiedlichen sozialen Milieus einige Gedanken in mir angeregt, die noch nicht abgeschlossen sind.

Also: Ich – ich ging nach einem Tag mit starken Verspannungskopfschmerzen, die kaum auf Lockerungsübungen und Aspirin ansprachen, wie befreit vollkommen entspannt nach Hause.

P.S. Dass Omar Sy in der Rolle des Driss verdammt gut anzusehen ist, hat der Sache keinen Abbruch getan ;-)

Das neueste Werk von David Safier: Happy Family

Nachdem ich durch die drei Vorgänger Mieses Karma, Jesus liebt mich und Plötzlich Shakespeare Fan seiner Bücher und seiner Schreibe geworden bin, war ich Happy Katharina, als ich im letzten Spätsommer tatsächlich gleich beim ersten Versuch, ein Buch bei Vorablesen.de zu gewinnen – gewann! Und so ganz grundsätzlich hat sich das Happy-sein auch gelohnt. Ich habe beim Lesen des Romans wirklich viel gelacht.

Darum geht’s: 

Familie Wünschmann kann man im Grunde in die Tonne treten - Emma ist nicht glücklich, Frank ist nicht glücklich, Fee ist nicht glücklich und Max auch nicht. Cheyenne ... der geht es ganz gut! Aber sonst?!
Zu Emmas Leidwesen taucht zu allem Überfluss eine ehemals gar nicht so konkurrenzfähige Arbeitskollegin aus viel besseren und vor allem erfolgreicheren Zeiten auf - und mit ihr Stephenie Meyer's Breiarsch. Damit nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Die Familie macht sich samt und sonders lächerlich, Emma explodiert und als Krönung der Miesere werden sie auch noch verflucht. Also Emma und ihre Familie. Was jedoch, genau betrachtet, aus der Perspektive einzelner Familienmitglieder ... gar nicht mal sooo schlecht ist. Trotzdem machen sie sich auf den Weg, um den Fluch von der alten Hexe gefälligst wieder zurücknehmen zu lassen.

So hat er’s gemacht:
Die Geschichte wird aus den wechselnden Perspektive der Figuren erzählt, mal von Emma, mal von Frank... Der Geschichtsverlauf selbst bleibt gradlinig.
In ihren verwandelten Körpern läuft Familie Wünschmann nun also recht fantastisch durch die Welt (Berlin, Wien, Ägypten), da ist es nur konsequent, dass noch ein paar Wachsfiguren-Zombies, Riesenmonster, Sagengestalten und andere Kuriositäten über die Seiten wandern.
Insgesamt liest sich da eine wilde Mischung aus Fantasy, Realitätsanleihen und ganz normalem Familienwahnsinn zusammen, der dann auch noch mit einigen bemerkenswerten Einsichten der Figuren aufwartet.

Kritik:
Hier und da hätte es ein Bezug weniger zu realen Figuren oder Geschehnissen aus Politik, Wirtschaft oder Presse auch getan. Einige Vergleiche weniger hätte die Figuren und die Geschichte vielleicht stärker miteinander verbunden, statt durch den hohen Anteil an Außenanleihen den Leser in die Geschichte hineinzuholen.
Aber davon abgesehen ist Happy Family ein kurzweiliges Buch. Sogar über Sprachentwicklung habe ich etwas gelernt: Schritt 1: "Ufta". Schritt 2: "Efta".

Generell:
An David Safiers Büchern mag ich – außer der humorigen Art – die konsequente Figurentwicklung. Ich kann mich wunderbar wiederfinden in den Gedankenprozessen, die da stattfinden – und auch in den Entwicklungen, die sich oft im Laufe der Geschichten ergeben. Davon fand ich auch hier wieder einiges.

Fazit:
Selbst wenn dieser Roman sein bisher schwächstes Werk ist, so, wie er seine Gruselfiguren ein wenig verkrampft am Zeitgeist konstruiert antreten lässt – gute Unterhaltung bleibt es allemal!